Der Talerreigen in

Wittenberge

Der Wittenerger Talerreigen

„Im Reigen wandeln wir, im Kreis geht auch das Geld. Wir leben, lieben, tanzen und schöpfen miteinander im großen Lauf des Lebens. So geben und nehmen wir, es tanzen die Taler von Hand zu Hand. Wir sind vereint im Streben für eine friedvolle Welt!“
Diese Worte sind auf dem Sockel des Wittenberger Talerreigens zu lesen. Kunst soll das Zeitlose sichtbar machen – das, was über Generationen hinweg Bestand hat. So ist es letztlich von untergeordneter Bedeutung, in welcher Epoche die Figuren verortet sind. Als Orientierung wählte der Künstler Bernd Streiter (Link: http://www.bernd-streiter.de) die Lebenszeit Friedrich Wilhelm Raiffeisens (1818–1888), einer der Begründer der Genossenschaftsidee, und damit das zweite Drittel des 19. Jahrhunderts.

Wittenberge war damals noch ein unscheinbares Elbdorf. Erst mit dem Aufkommen der Eisenbahn im späten 19. Jahrhundert begann der Wandel. Die Strecke führte nicht direkt an den alten Stadtkern heran, sondern entstand einige Kilometer entfernt – erreichbar zunächst nur zu Fuß oder mit der Pferdekutsche. Doch mit wachsendem Vertrauen in den Fortschritt entwickelte sich die Stadt der Bahn entgegen. Aus der anfänglichen Distanz wurde ein Vorteil, und gemeinsam mit der Elbe eröffnete sich der Zugang zu den großen Handelswegen bis nach Hamburg und weiter in die Welt hinaus.

Singer, Veritas, Lokomotiven und die Kraft des Handwerks

Auch heute blickt Wittenberge nach vorn. Die Anbindung an die Autobahn nährt die Hoffnung auf einen neuen Aufschwung. Ob als Ziel für Besucher der Elbauen oder als Ort industrieller Erneuerung – die Möglichkeiten sind vielfältig und eine blühende Zukunft scheint greifbar.

Im Talerreigen spiegelt sich diese Geschichte wider. Der Schmied gibt den Takt vor – er verkörpert den industriellen Geist der Stadt. Nähmaschinenproduktion, Reichsbahnausbesserungswerk, Ölmühle und Zellwolle prägten einst das wirtschaftliche Leben. Der Amboss erzählt davon: von Singer, Veritas, Lokomotiven und der Kraft des Handwerks.

Aufmerksame Betrachter erkennen zudem weitere Persönlichkeiten: den Bewahrer und Restaurator der Mühle in Weisen ebenso wie einen kulinarischen Lebenskünstler, dessen ungewöhnliche Kreationen – etwa Erdbeeren mit Senf – in der Stadt legendär wurden. Sie stehen stellvertretend für das Engagement und die Eigenart der Menschen vor Ort.

Die übrigen Figuren erzählen vom fortwährenden Miteinander. Jeder wirkt für den anderen, und das Geld wird zum verbindenden Element dieses Austauschs. Es steht für Geben und Nehmen, für Bescheidenheit und Genuss, für Glück und Mühe gleichermaßen.

Im Zentrum dieses Gefüges sitzt Wilhelm Raiffeisen als Symbol des genossenschaftlichen Gedankens. Seine Idee einer solidarischen Gemeinschaft, getragen von Vertrauen und gegenseitiger Unterstützung, lebt bis heute fort. Zwar gerät das Gleichgewicht mitunter ins Wanken, doch immer wieder setzt sich das Gemeinsame durch.

So wird der Wittenberger Talerreigen zu mehr als einem Kunstwerk: Er ist ein Sinnbild für das Zusammenspiel von Arbeit, Gemeinschaft und Hoffnung – und vielleicht ein Versprechen, dass das Herz der Stadt schon bald wieder im kraftvollen Takt seiner eigenen Lebendigkeit schlägt.

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